„Die Pflegefenster sind systemrelevant“

Er kennt den Platz des Golfparks München Aschheim wie kein Zweiter: Günter Mayer. Seit rund 20 Jahren kümmert sich der Headgreenkeeper um die Pflege der knapp 60 Hektar großen Golfanlage vor den Toren der bayrischen Landeshauptstadt. Im Interview spricht Mayer über das Greenkeeping während der Corona-Krise, den Zustand des Platzes in Aschheim und Parallelen zur Pflege des heimischen Gartens.

Günter Mayer, auch vor dem Golfpark Aschheim hat die Corona-Krise nicht Halt gemacht. Knapp zwei Monate hat der Spielbetrieb ruhen müssen, ehe die Anlage am 11. Mai wieder geöffnet hat. Wie haben Sie diese Zeit verbracht?
„So bedauerlich diese Unterbrechung für die vielen begeisterten Golfspieler war, so arbeitsreich war sie für mein siebenköpfiges Team und mich. Denn auch ohne laufenden Spielbetrieb mussten die Pflegemaßnahmen fortgesetzt werden, damit der Platz nicht verwildert. Denn der milde Frühling hat das Wachstum der Pflanzen zusätzlich beschleunigt. Aus Greenkeeper-Sicht kam uns der Spielstopp sogar zugute, denn wir hatten von morgens sieben bis nachmittags 16 Uhr freie Bahn und mussten unsere Arbeiten nicht unterbrechen. Und wir hatten Zeit, auch an anderen Stellen der Anlage notwendige Arbeiten zu erledigen. Unterm Strich kann man sagen, dass wir in dieser Zeit so viel geschafft haben wie noch nie.“

Greenkeeping ist also kein Job für Langschläfer?
(lacht) „Definitiv nicht, im Gegenteil: Wir sind die klassischen Early Birds. Seit dem Restart beginnen mit unseren ersten Pflegemaßnahmen bereits morgens um fünf Uhr. Wenn die ersten Spieler um kurz vor sieben an Bahn 1 abschlagen, haben wir schon einen großen Teil des Platzes bearbeitet.“

Wie genau sehen diese Pflegemaßnahmen aus?
„Bei der Nasspflege – die heißt so, weil der Platz frühmorgens durch den Tau noch feucht ist – kümmern wir uns hauptsächlich um die Grüns: Mähen, Düngen, Fahne umstecken, Spritzen. Dazu kommen weitere Arbeiten wie Divots und Pitchmarken ausbessern oder Bunkerpflege. Mit dieser ersten Pflegerunde wollen wir sicherstellen, dass die Golfspieler vom ersten Schlag an perfekte Bedingungen vorfinden.“

Welche Arbeiten sind darüber hinaus notwendig?
„Wir haben im vergangenen Jahr begonnen, ein zweites Pflegefenster zu installieren. Freitags, meist am späten Vormittag für eine Stunde. In diesem Zeitraum wurden vor allem die Fairways, das Semi Rough und die Vorgrüns in trockenem Zustand gemäht.“

Warum in trockenem Zustand?
„Weil der Rasen in den genannten Bereichen deutlich länger ist als auf den Grüns und die Menge an Rasenschnitt entsprechend hoch ist. Nasser Rasen klumpt, auf den gemähten Bereichen können sich entsprechende Rückstände bilden, die dann wiederum die Spieler stören. Und er wiegt deutlich mehr als trocken gemähter Rasen, was den Abtransport zusätzlich erschwert. Das kennt sicher jeder Hobbygärtner aus dem eigenen Garten.“

Hat sich dieses zusätzliche Pflegefenster bewährt?
„Sehr sogar. Die Platzqualität hat sich deutlich verbessert. In diesem zusätzlichen Pflegefenster können wir rund 80 Prozent aller Mäharbeiten erledigen, was sich wiederum positiv für die Golfspieler auswirkt. Einerseits können wir ohne Unterbrechungen die Arbeiten zügiger durchführen, andererseits reduzieren wir damit deutlich die Störfaktoren für die Spieler während der Runde. Somit wird der Spielfluss weniger beeinflusst und die gestarteten Flights können ihre Runde messbar schneller beenden.“

In diesem Jahr haben Sie zwei weitere Pflegefenster eingeführt. Warum?
„Zum einen aus den gerade erwähnten Gründen. Zum anderen ist das eine Folgeerscheinung aus der Spielpause im Frühjahr. Ich bin knapp 20 Jahre auf dieser Anlage tätig und kann mit etwas Stolz behaupten, dass der Platz noch nie in einem so guten Zustand war, wie bei Restart am 11. Mai. Um diesen Standard zu halten, haben wir nun am Montag, Mittwoch und Freitag jeweils für eine Stunde dieses zusätzliche Pflegefenster eingeführt.“

Welche Rückmeldung haben Sie von den Golfern bislang erhalten?
„Fast durchweg positiv. Langjährige Mitglieder sind begeistert über den aktuellen Zustand des Platzes, da sie diesen auch schon anders erlebt haben. Auch die wenigen Gäste, die momentan bei uns auf der Anlage spielen, sind angetan. Einige kommen bewusst nach Aschheim, da sie hier optimale Bedingungen vorfinden. Aber natürlich gibt es auch den einen oder anderen Spieler, der sich an den zusätzlichen Pflegefenstern stört. Diese gilt es mit guten Argumenten zu überzeugen, dass diese notwendig sind.“

Wie genau gehen Sie da vor?
„Lassen Sie mich nochmal auf das Beispiel vom heimischen Garten zurückkommen. Sie können Ihren Rasen einmal pro Woche mähen, dann haben Sie einen gepflegten Garten. Sie können den Aufwand aber auch erhöhen und Vertikutieren, Nachsäen, Düngen, Unkraut zupfen und vielleicht sogar zwei Mal pro Woche mähen. Dann ist Ihr Garten in einem sehr, sehr gepflegten Zustand. Dafür müssen Sie allerdings zusätzliche Zeit investieren, die an anderer Stelle fehlt. Letztendlich ist es aber ein einfaches Rechenbeispiel…“

Inwiefern?
„Durch die Corona-Krise haben etwa 650.000 Golfspieler in Deutschland ihr Hobby über zwei Monate nicht ausüben können. Entsprechend groß war der Andrang auf allen Anlagen, als die ersten Lockerungen durchgeführt wurden. Die Leute wollen sehr viel spielen. In Aschheim gehen momentan pro Tag zwischen 270 und 300 Golfer über den Platz, fast immer in Vierer-Flights. Diese Menge an Spielern ist für uns Greenkeeper die größte Herausforderung, denn der Pflegebetrieb wird dadurch sehr aufwändig. Am Ende sprechen wir hier aber über drei Stunden pro Woche – das macht bei einem Volumen von rund 91 Stunden, an denen gespielt werden kann, etwa 3,5 Prozent aus.“

Im Klartext: Die drei Pflegefenster sind also unabdingbar?
„Richtig! Ich würde sogar einen stark strapazierten Begriff aus den letzten Monaten verwenden. Um die Platzqualität zu halten, sind die Pflegfenster systemrelevant. Wenn man für unseren Bereich etwas Positives aus den vergangenen Monaten ziehen kann, dann, dass die Corona-Krise es ermöglicht hat, die Platzpflege zu optimieren. Die Arbeit ist schneller, effizienter und letztlich wirtschaftlicher. Und am meisten profitieren davon unsere Kunden, die auf einer der schönsten und gepflegtesten Anlagen in Oberbayern spielen können.“

Das Interview führte unser Mitarbeiter Carsten Zimmermann