“So noch nicht erlebt”

Die HVB Internationalen Bayerischen Meisterschaften für Golfer/innen mit Behinderung im Golfpark München-Aschheim haben in punkto Vorbereitung, Organisation und Erfolg neue Maßstäbe gesetzt.

Von Friedrich Bräuninger

Superlative oder großspurige Inszenierungen  sind eigentlich nicht die Sache der Golfer/innen mit Behinderung. Diese Sportler kennen auch die gesundheitlichen  Schattenseiten des Lebens nur allzugut und haben sehr empfindliche Antennen für die Handlungen, mit denen ihnen freudvolle Erlebnisse und Perspektiven vermittelt werden sollen. Fest steht: Der Name „Aschheim“ ist für eine wachsende Zahl der gehandicapten Golfer inzwischen so eine Art ideelles „Mekka“, auf jeden Fall ein Maßstab für „Best Practice“ geworden. Der gehbehinderte  Bruttosieger Michael Mittelhammer aus dem GC Gerolsbach hat es in seinem Resümee der beiden Turniertage vom 11.bis 12. Juli trefflich auf den Punkt gebracht: „Ich spiele seit 20 Jahren Golf, aber so eine tolle Atmosphäre und so ein nettes Miteinander habe ich noch nirgends erlebt und ich denke auch das gibt es nur in diesem Kreis“.

Um DAS zu bewirken müssen Anspruch, Qualität und Umsetzung stimmen. Bei der Organisation eines solchen Behinderten-Golfturniers sind unzählige Aspekte zu beachten und mit hoher Kreativität, Planungskunst und oft auch Improvisationsgeschick (z.B. in punkto Barrieren) zu einem stimmigen Gesamtwerk  zu modellieren. Wie in einem Orchester müssen alle Beteiligten gut und richtig mitspielen: der Sponsor (HVB), der federführende Bayerische Golfverband (BGV), der Golfpark München Aschheim, der Behinderten-Golfclub Deutschland e.V. (BGC), die Kommunalpolitik sowie all die Dienstleister und helfenden Hände , die von der Stromversorgung für die Elektrocarts über die Turnierauswertung bis zur Verpflegung ihren Teil zum Gelingen beitragen. Jeder dieser Genannten weiß es zu schätzen, wenn die Spieler sportliches Vergnügen empfinden und konstruktiv mitmachen.

Indirekt mitspielen müssen natürlich auch die Mitglieder des GP München-Aschheim, die dankenswerterweise an drei Tagen den Gästen ihren von den Greenkeepern vorbildlich gepflegten Platz überlassen haben. Und natürlich gibt es bei einer solchen Veranstaltung auch einen Regisseur: Jochen Hornig, unaufdringlich aber höchst wirkungsvoll gestaltender Manager des stadtnahen Golfparks, der mit seinem Team und seinen Partnern unbestritten Maßstäbe gesetzt hat. Inklusion via Golf, also die gleichberechtigte Teilhabe von Menschen mit und ohne Behinderung, ist eines seiner erklärten Ziele.

Fast 80 gehandicapte Golferinnen und Golfer aus zehn Nationen waren nach Aschheim gekommen, um bei der 2. HVB Internationalen Bayerischen Meisterschaft (Premiere war voriges Jahr in Maria Bildhausen) auf dem weitgehend ebenen Terrain dieses Platzes ihre sportlichen Kräfte in acht Behinderungsklassen zu messen. Wichtige Ereignisse, aber auch interessante Randnotizen im Telegrammstil:

  • Schon in einem sehr frühen Stadium standen Bürgermeister Thomas Glashauser und die Gemeinde Aschheim  den Planern dieses Turniers mit Rat und Tat zur Seite – z.B. bei der Freigabe des Aschheimer Feststadels für die große Abendveranstaltung  am Samstag. Dort unterstrich der Rathauschef, wie sehr ihm Inklusion am Herzen liege und dass die Gemeinde für dieses Thema einen hauptamtlichen Beauftragen beschäftige.
  • Ein Highlight war zweifellos die Teilnahme einer Delegation von neun Behindertengolfern aus Israel, die via Amsterdam von den Dutch-Disabled -Open extra zum  Turnier in Aschheim angereist waren. Ihr erster dringlicher Wunsch: München- Sightseeing plus Biergarten-Visite und  Shopping-Tour. Ivgi Shlomo gewann im Turnier die Rollstuhl-Wertung.
  • Dr. Dan Shaham, Israels Generalkonsul in München, hatte zur Begrüßung seiner Landleute nur ein Viertelstündchen eingeplant. Der hohe Diplomat war dann aber von der Veranstaltung so fasziniert, dass er über zwei Stunden blieb und neben einer stark beklatschten Kurzansprache bei der Siegerehrung im Zelt viele Gespräche mit Behindertengolfern und Offiziellen führte.
  • Elizabeth Höh (Proette) und  Herbert Wirtz (Golffotograf und Marshall) vom Golfpark haben ganz spontan einen wesentlichen Teil der Betreuung der Israel-Delegation übernommen. Das Busshuttle-Arrangement wurde von der Gemeinde Aschheim und der Behinderteneinrichtung Franziskuswerk Schönbrunn auf Vermittlung des CSU-Landtagsabgeordneten  Bernhard Seidenath (gesundheitspolitischer Sprecher seiner Fraktion im Landtag) unterstützt.
  • Vor dem Turnier hatte es nochmal ein erfreuliches Rauschen im Blätterwald und  Hinweise auf die Veranstaltung gegeben. Die Süddeutsche Zeitung veröffentlichte am 8. Juli eine große Reportage über das Behinderten-Training von Elizabeth Höh, der Münchner Merkur brachte es auch und die Bildzeitung erschien am ersten Turniertag mit einer Story über die Spieler Alois Krabatsch (sehbehindert) und Rainer Langmeyer (Rollstuhl). Bereits am 27. April hatte der GP-Aschheim das medienwirksame erste Inklusionsturnier zwischen Journalisten und Behindertengolfern in Deutschland ausgetragen.
  • Hans-Peter Mause, einarmiger Präsident des Behinderten Golf Clubs Deutschland e.V. (BGC) stürzte nach einer Gewitter-bedingten Spielunterbrechung am ersten Turniertag so unglücklich an Bahn 18, dass er das Turnier beenden und am Sonntagmorgen  nach Westfalen zurückreisen musste. Dort wurde ein Rippenbruch festgestellt. Mause wird mehrere Monate kein Golf spielen können.
  • Manuel de los Santos aus Paris, Vorjahressieger und sportlicher Star des Turniers, musste sich in Aschheim in der Kategorie „Bein“ dem Oberbayern Michael Mittelhammer geschlagen geben. 56 zu 59 Bruttopunkte standen zum Schluss auf dem Leaderboard. Katharina Pegau vom GC München-Valley wurde mit 45 Punkten Dritte.
  • Phänomenale 13 Punkte erreichte der blinde Golfer und Ex-Eishockeyspieler Ivars Weide vom BGC. „Über diese Trophäe werden sich vor allem meine Enkelkinder im nahen Oberhaching enorm freuen“, sagt Rheinländer Weide, der von  seiner Frau Gaby ebenso phänomenal im Leben wie auf dem Platz gecoacht wird. Riesenfreude auch bei den Holledauern Alois Krabatsch und seinem Sohn Stefan über den zweiten Platz.
  • Das Prädikat „Spitzenklasse“ verdient die von Dr.Werner Pröbstl zweisprachig und international-humorvoll moderierte Siegerehrung, bei der er keinen der Vorbereitungs-Aktivisten aussparte. Wohl ein Novum bei einem mehrklassigen Behindertenturnier war für Gehörlose die Simultanübersetzung in Gebärdensprache durch Frau Beckenbauer-Wenig. BGV-Vizepäsident Pröbstl spielte selber in der Kategorie „ sonstige mit Beeinträchtigung des Schwungs“ mit.
  • Die Farben des Golfpark München Aschheim wurden  bei diesem Turnier durch die Behinderten-Golfer Pascal Ferreira- Schramm  (36 Punkte!), Jürgen Döhle, Gerd Baier und den Autor dieser Zeilen vertreten. Für Gerd war es das erste Turnier überhaupt. Sein Kommentar: „Das war für mich in vielfacher Hinsicht eine ganz wertvolle Erfahrung“. Mittlerweile hat sich in Aschheim auch eine Behinderten-Golfgruppe gebildet, die über „ whats app“ ständig miteinander kommuniziert.

     

Auf dem Weg zu einer inklusiven Gesellschaft gehe der Bayerische Golfverband „als ein Vorbild voran“, lobt Emilia Müller, Bayerische Sozialministerin und Schirmherrin des Turniers. Der BGV und der GP München- Aschheim hätten die Voraussetzungen dafür geschaffen, „dass immer mehr Menschen mit gesundheitlichem Handicap den Golfsport für sich entdecken können“.

Link zu den Ergebnissen: http://www.bayerischer-golfverband.de/dynasite.cfm?dsmid=94886

Link zur Fotogalerie: http://www.wirtz.bayern/BGV-handicap-2015/

Auszug aus der Presse:

Link zum Bericht in der Süddeutschen Zeitung: http://www.sueddeutsche.de/muenchen/landkreismuenchen/aschheim-handicaps-1.2555306

Link zum Interview mit Manuel dos Santos in der Süddeutschen Zeitung: http://www.sueddeutsche.de/muenchen/sport/handicap-golfer-de-los-santos-man-muss-an-sich-glauben-1.2565072

Artikel der Bild Zeitung (hier klicken)

Artikel im Merkur (hier klicken)